Freitag, 7. Mai 2010

Miley Cyrus: Amerikas liebster Teenager

Miley Cyrus, seit 2006 in der Fernsehserie "Hannah Montana" erfolgreich, darf in ihrem neuen Film "Mit dir an meiner Seite" ein wenig rebellieren. Und bleibt dabei natürlich brav.

Amerika ist nicht New York. Auch nicht Los Angeles. Eher schon Hollywood. Aber vor allem ist Amerika das „Flyover Country“: So nennen die betont liberalen Bürger an der Ost- und Westküste mit Verachtung die vielen, großen Bundesstaaten, die sie am liebsten nur von oben sehen – aus dem Flugzeug. „Provinz“ würden wir sagen. „The Big Country“ hat David Byrne einst einen bösen Song seiner Talking Heads genannt, eine detailreiche, liebliche Idylle, mit dem Refrain: „I wouldn't live there if you paid me to.“

Miley Cyrus, das wohl größte amerikanische Popphänomen der letzten Jahre, das brünette Mädchen, das trotz ihres Doppellebens als blonder Popstar Hannah Montana anständig geblieben ist, ist stolze Repräsentantin des Flyover-Country. Des Amerika, in dem alles noch in Ordnung ist, in dem das Banjo spielt und nicht die Beatbox, in dem das „grüne Gras der Heimat“ garantiert kein THC enthält.

Auch wenn Miley Cyrus beim „Kids Inaugural Ball“ für Barack Obama gesungen hat: Sarah Palin hat ihre Freude mit Miley, dem öffentlichen amerikanischen Teenager, der daran festhält, unberührt in die Ehe zu gehen und unter „sieben Dinge, die mich traurig machen“, neben den „Hungersnöten dieser Welt“ auch anführt: „dass es Menschen gibt, die nichts über Jesus wissen“.

Wie man den Versuchungen der lauten, sündigen Westküste standhält, war zentrales Thema des 2009 angelaufenen Films Hannah Montana: Mit sanfter Gewalt führte sie da Countrysänger Billy Ray Cyrus, sowohl im realen als auch im virtuellen Leben ihr Vater, „way back to Tennessee“. Dorthin, wo die Burschen noch Cowboys und brav sind. Daheim eben: „This is home, this is where I am from, this is my family“, ruft Miley – und reißt sich die blonde Perücke vom Kopf, die aus ihr den Popstar Hannah Montana macht.

In ihrem neuen Film Mit dir an meiner Seite spielt Miley Cyrus erstmals nicht Miley Stewart, das Mädchen, das ein Doppelleben als Popstar Hannah Montana führt. Sondern eine Veronica mit dem vergleichsweise verruchten Spitznamen Ronnie. Die freilich auch einen braven Burschen kennenlernt, Will (gespielt von Liam Hemsworth), der dazu noch ein Herz für Meeresschildkröten hat und aus ausgesprochen gutem Hause ist. Ein „preppy“, also ein Schüler einer angesehenen, teuren „preparatory school“. Ziemlich fesch obendrein. Was für ein Oberkörper! Die perfekte Partie.

Nicht ohne ihren Vater! Leider ist Ronnie erstens nicht so reich, zweitens aus nicht intakter Familie, drittens neigt sie zum Aufbegehren – insonderheit gegen ihren Vater, bei dem sie die Sommerferien verbringen muss. Dieser ist zwar nur Pianist und nicht einmal braver Familienvater, aber er weiß, was sich gehört: Als er beobachtet, wie Will am nächtlichen Strand seinen Sessel zutraulich neben Ronnies Sessel stellt, schreitet er ein – und zieht einen dicken Strich in den Sand zwischen die beiden.

Das ist vielleicht die originellste Szene im an originellen Szenen armen, von Sitcom-Regisseurin Julie Anne Robinson („Grey's Anatomy“) gedrehten Film. Der auch dramaturgisch eher matt ist. Aber dennoch bemerkenswert: Weil er ein aus den Fünfzigerjahren bekanntes Genre repliziert, allerdings mit umgekehrten Geschlechterrollen. Man kennt das Setting z.B. aus Elvis-Filmen: Der Bursch, der um die Hand der (höheren) Tochter anhält, scheint zunächst zu ungehobelt, zu unterklassig, zu rebellisch für sie. Er blamiert sich bei Tisch, seine Freunde sind auf schlechten Colleges, womöglich singt er Rock'n'Roll. Um das Mädchen schließlich doch zu kriegen, muss er beweisen, dass sein amerikanisches Herz am rechten Fleck sitzt.

In Mit dir an meiner Seite muss sich (auch) das Mädchen bewähren. Und vor allem zeigen, dass sie kein leichtes Mädchen ist. Wobei ihr u.a. das väterliche Klavier hilft...

So variiert Cyrus auch im neuen Film ihre Rolle als Vatertöchterchen. Und noch einem zentralen Thema von Hannah Montana bleibt sie treu: dem Spiel mit den Identitäten, der Vermengung von realer und virtueller Person. Diesfalls durch die mediengerechte Pointe, dass sie ihren Filmpartner Liam Hemsworth nach all den tiefen Küssen am Filmset im wirklichen Leben heiraten wird: wenn sie 18 ist, am 23.November. Bis dahin will sie im Stand der Jungfräulichkeit verharren. Das ist sie einem Publikum schuldig, das schon über ein von Annie Leibowitz geschossenes Foto entsetzt war, das Miley mit nacktem Rücken zeigte.

„Ich weiß eines mit Sicherheit“, schreibt Miley Cyrus in ihrer Autobiografie „Miles To Go“, „dass man seinen Traum niemals findet, wenn man sich nicht wirklich darum bemüht“. Keine Frage: Sie bemüht sich. Für Gott, Vater und Amerika.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2010)
Quelle: www.diepresse.com

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